Methanol, strengere Emissionsvorgaben und autonome Marineschiffe stellen neue Anforderungen an Antriebssysteme. Rolls-Royce Power Systems entwickelt sein mtu-Portfolio deshalb parallel in mehreren Richtungen weiter und setzt dabei auf Kraftstoffflexibilität, Abgasnachbehandlung und hohe technische Verfügbarkeit.
Für Rolls-Royce Power Systems wird die maritime Antriebstechnik zunehmend zu einer Frage unterschiedlicher Einsatzprofile. Während zivile Betreiber auf verschärfte Emissionsvorgaben und die noch offene Entwicklung alternativer Kraftstoffe reagieren müssen, verlangt der militärische Einsatz unbemannter Schiffe nach Systemen, die über lange Zeiträume ohne Wartung funktionieren. Das Friedrichshafener Unternehmen adressiert beide Entwicklungen mit seinen mtu-Baureihen 2000 und 4000.
Unter CEO Jörg Stratmann verfolgt Rolls-Royce Power Systems damit einen Ansatz, der bestehende Verbrennungsmotoren nicht auf einen einzelnen Entwicklungspfad festlegt. Neue Zertifizierungen und technische Lösungen sollen vielmehr dafür sorgen, dass die Motoren sowohl auf veränderte regulatorische Bedingungen als auch auf neue Kraftstoffe und Einsatzformen vorbereitet sind.
Methanol soll Investitionen flexibler machen
Ein Beispiel dafür ist die mtu-Baureihe 4000. Die internationale Klassifikationsgesellschaft DNV hat den aktuellen Motoren ein Methanol-Readiness-Zertifikat erteilt. Zertifiziert wurde ein Technologiekonzept, nach dem neu gebaute Schiffsantriebe zu einem späteren Zeitpunkt für den Dual-Fuel-Betrieb umgerüstet werden können. Neben konventionellem Kraftstoff wäre dann auch der Einsatz von Methanol möglich.
Damit reagiert Rolls-Royce Power Systems auf eine zentrale Unsicherheit für Schiffsbetreiber. Investitionen in neue Antriebssysteme werden über lange Zeiträume geplant, während sich heute noch nicht abschließend bestimmen lässt, welche Kraftstoffe künftig in ausreichender Menge verfügbar sein werden und wie sich regulatorische Anforderungen entwickeln.
Technisch stützt sich das Konzept auf umfangreiche Erprobungen. 2025 testete Rolls-Royce in Friedrichshafen einen schnelllaufenden Schiffsmotor, der ausschließlich mit Methanol betrieben wurde. Inzwischen kommen auf verschiedenen Prüfständen mehr als 5.000 Betriebsstunden im reinen Methanol- und im Dual-Fuel-Betrieb zusammen. Potenzielle Anwendungen sieht das Unternehmen unter anderem bei Offshore-Schiffen, Fähren und Megayachten.
Emissionsvorgaben bleiben schon heute relevant
Parallel zur Vorbereitung auf alternative Kraftstoffe entwickelt Rolls-Royce Power Systems Lösungen für die aktuell geltenden Emissionsanforderungen weiter. Für die mtu-Baureihe 2000 wird gemeinsam mit Eminox ein integriertes SCR-Abgasnachbehandlungssystem zertifiziert, das die Anforderungen von IMO Tier III erfüllt.
Damit können entsprechend ausgestattete Offshore-Versorgungsschiffe, Fähren und Patrouillenboote auch in emissionsregulierten Seegebieten wie Nord- und Ostsee eingesetzt werden. Das System reduziert die Stickoxidemissionen gegenüber den IMO-II-Grenzwerten um 75 Prozent. Je nach Lastprofil ist es auf eine Lebensdauer von bis zu 16.000 Betriebsstunden ausgelegt und benötigt für die Dosierung keine Druckluft.
Rolls-Royce Power Systems ergänzt damit die bereits vorhandenen Lösungen für die leistungsstärkere Baureihe 4000. Gleichzeitig reicht die Kraftstoffstrategie über Methanol hinaus. Bereits 2021 wurden wichtige mtu-Motorenbaureihen für HVO und weitere Kraftstoffe nach DIN EN 15940 getestet und freigegeben. Hinzu kommen Untersuchungen synthetischer Kraftstoffe. Eine Laborprüfung des gemeinsam mit Ineratec untersuchten erneuerbaren Kraftstoffs Matera e-Diesel wurde im Frühjahr 2026 abgeschlossen.
US Navy zertifiziert Motoren für autonome Schiffe
Wie breit sich das maritime Geschäft inzwischen entwickelt, zeigt ein weiterer Einsatzbereich der mtu-Motoren. Die US Navy hat die Baureihen 2000 und 4000 für autonome Schiffe zertifiziert. Entscheidend ist dabei vor allem die Fähigkeit, längere Missionen ohne Eingriffe durch Wartungspersonal zu absolvieren.
Die Baureihe 4000 durchlief für die Zulassung zwei Dauerlaufprüfungen von jeweils 720 Stunden. Für autonome Anwendungen stehen bis zu 4.300 kW Antriebsleistung beziehungsweise bis zu 3.000 kWe zur Stromerzeugung zur Verfügung. Bei der Baureihe 2000 bildeten Komponententests und mehrere tausend Betriebsstunden im praktischen Einsatz die Grundlage der Zertifizierung. Ihre Antriebsleistung reicht bis 1.939 kW.
Die Vorgaben orientieren sich am US National Defense Authorization Act. Entsprechende Systeme müssen definierte Zuverlässigkeits- und Belastungsanforderungen erfüllen, ohne dass Bedienpersonal eingreift oder präventive beziehungsweise korrektive Arbeiten an Hauptantrieb, Kraftstoff- und Schmiersystemen erforderlich werden. Dadurch sollen Einsätze von bis zu 30 Tagen ohne Wartungsbedarf möglich sein.
Welche Bedeutung diese Technik bereits besitzt, zeigt die Sea Hunter. Das autonome Überwasserschiff wird von zwei mtu-12V-2000-Motoren angetrieben und hat seit seiner Indienststellung 2016 mehrere zehntausend Betriebsstunden absolviert. Bei der Zertifizierung autonomer Systeme spielen neben der mechanischen Zuverlässigkeit auch Steuerungssysteme, Cyber-Sicherheit und weitere sicherheitsrelevante Funktionen eine zentrale Rolle.
Ein Motorenportfolio für unterschiedliche Transformationspfade
Für Rolls-Royce Power Systems laufen damit mehrere Entwicklungslinien zusammen. Methanol-Readiness soll Betreibern die Möglichkeit eröffnen, später auf einen alternativen Kraftstoff umzusteigen. SCR-Systeme adressieren bereits bestehende Emissionsvorgaben. Die Zertifizierung durch die US Navy wiederum erweitert das Einsatzspektrum der mtu-Baureihen in Richtung hochautonomer Anwendungen.
Das Unternehmen mit Sitz in Friedrichshafen beschäftigt weltweit mehr als 10.000 Mitarbeitende und entwickelt unter der Marke mtu Motoren und Antriebssysteme für maritime, industrielle und militärische Anwendungen. Die jüngsten Projekte zeigen dabei vor allem eines: Statt die Zukunft der Schifffahrt auf eine einzelne Technologie festzulegen, baut Rolls-Royce Power Systems sein Portfolio so aus, dass unterschiedliche regulatorische, technologische und operative Anforderungen mit bestehenden Motorenplattformen abgedeckt werden können.
